Monika Schumacher

Helmut Eisel

Württembergische Philharmonie Reutlingen

* Rhapsody for an Unknown Klezmer *

Talking Clarinet meets Orchestra

 

Helmut Eisel * Klarinette

Württembrg. Philharmonie Reutlingen * unter der Leitung von Daniel Huppert

 

Aufnahme: Bauer Studios Ludwigsburg

http://www.bauerstudios.de
 
 

     
    Tracklist:
     

  1. Two Sides of Jerusalem 5:47 * 2. Ursulas Freilach 6:10 * 3. Rhapsody for an Unknown Klezmer I. Zfat Impressions (Freilach – Ballade – Sirba) 18:53 * 4. Rhapsody for an Unknown Klezmer II. Yad Vashem (Konflikt – Phoenix) 15:49 * 5. Hot & Cool 7:57 * 6. Trolls Freilach 5:16 * 7. Kol Nidrei 13:15 * 8. Babsis Freilach 4:50

 
Helmut Eisel gilt als einer der vielseitigsten und kreativsten Klarinettisten Europas – ein Musiker mit einem unverwechselbaren Stil, den er in mehreren Kammermusik- und Bandbesetzungen, in der Zusammenarbeit mit Sinfonie- und Blasorchestern, Chören sowie in Theaterprojekten auslebt.

 

Ausschlaggebend für seine musikalische Entwicklung wird die Begegnung mit Giora Feidman im Jahr 1989. Im intensiven Austausch mit ihm lernt Helmut Eisel die Klezmermusik und ihre tiefe spirituelle Bedeutung kennen, die zur Inspiration für zahlreiche eigene Kompositionen und Improvisationen wird.
 
Helmut Eisel setzt seine Klarinette wie eine menschliche Stimme ein und ermöglicht so eine intensive und oft spontane Kommunikation mit dem Publikum und mit seinen Mitmusikern, die den Funken der Musik unmittelbar überspringen lässt.

 

2007 beauftragt Feidman Helmut Eisel als „nichtjüdischen Klezmer“, eine Komposition für ein Konzert in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem zu schreiben.

So entsteht der Titel Phoenix, der den im Holocaust verfolgten und ermordeten Klezmorim gewidmet ist.

 

„Als ich zum ersten Mal Yad Vashem besuchte und eine persönliche Führung bekam, war ich regelrecht erschlagen und im anschließenden Konzert vor Holocaust-Überlebenden und deren Familien zunächst fast unfähig zu spielen. Die Reaktion der von unseren Vorfahren und vom Schicksal gequälten Menschen, die mir dort begegnet sind, ist für mich immer wieder Symbol höchster Menschlichkeit – sie stehen da mit Tränen in den Augen und voll Dankbarkeit. „Das du als nichtjüdischer Deutscher hierher kommst und für mich Musik machst, das macht für mich die Welt wieder ein kleines Stückchen besser“, sagen sie. Menschlich zu sein, ist nicht selbstverständlich, es ist eine Aufgabe für uns alle. Mein Handwerkszeug dazu ist die Musik.“, so Helmut Eisel selbst.

 

Phoenix gibt dann auch den Impuls zu Eisels Komposition Rhapsody for an Unknown Klezmer – Herzstück des hier vorliegenden Albums, interpretiert von Helmut Eisel an der Klarinette zusammen mit der Württembergischen Philharmonie Reutlingen unter der Leitung von Daniel Huppert.

 

Die Rhapsody for an Unknown Klezmer besteht aus zwei deutlich kontrastierenden Abschnitten.

In Zfat Impressions manifestiert sich die lebendige Vielfalt des Klezmer in seiner heutigen, von den individuellen Persönlichkeiten seiner Interpreten geprägten Musizierpraxis. Den Anfang macht mit dem Freilach der zentrale Tanzrhythmus der traditionellen jüdischen Hochzeitsmusik. Es folgt eine emotionsgeladene Ballade, die die charakteristische Zerrissenheit zwischen getragener Melodik und harmonischen Aufhellungen zeigt. Eine virtuose Sirba beschließt den ersten Teil – ein rasanter Tanz, der sich überwiegend in der moldawischen und rumänischen Folklore findet, in jenen Regionen also, in denen viele der heute in Israel lebenden Familien ihre Wurzeln haben.

In Yad Vashem wird die Herausforderung einer Begegnung mit der Geschichte über das hochemotionale Medium der Musik offenbar.

Hier steht die Marschtrommel für das brutale Infrage stellen jüdischer Kultur und für die Gräueltaten des Holocaust, in deren Angesicht der Klezmer beinahe verstummt. Doch die arabische Trommel, die Darabouka, verschiebt den Fokus auf gegenwärtige Konflikte, die militant und scheinbar unversöhnlich gegeneinander stehen und die Lebensfreude lähmen.

Bevor der Konflikt eskaliert, ruft ein Shofar, das traditionelle jüdische Signalinstrument, zur Besinnung. Wieder wirkt der Nigun (Silbenloses Gebetslied der jüdischen Kultur) als Bindeglied und Botschaft. Die Musik mündet in eine Mischung aus melancholischem Tango und orientalischen Arabesken, die den Dialog der Kulturen versuchen. Ein Kinderchor singt hierzu rein und unvoreingenommen, das Lied vom Phoenix aus der Asche, vom Klezmer, den seine Melodien unsterblich machen.

 

Auch mit Two Sides of Jerusalem, das dieses Album eröffnet, thematisiert Helmut Eisel, unter Verwendung der Melodie „Jerusalem of Gold“, den enormen kulturellen Reichtum der Stadt und zugleich die Kontraste, die hier aufeinanderprallen. „Jerusalem of Gold“ versteht sich in diesem Zusammenhang als eine Aufforderung, die Schönheit der Klezmermusik mit arabischen Rhythmen und Stilelementen in einen kreativen Dialog treten zu lassen.

 

Das von Max Bruch im Jahr 1880 für Violincello und Orchester komponierte Kol Nidrei präsentiert Helmut Eisel hier in eigener Bearbeitung.

Es ist ein musikalisches Gebet, basierend auf dem Kol Nidrei, das am Vorabend des höchsten jüdischen Feiertags, des Yom Kippur (Tag der Sühne und der Versöhnung) gebetet wird. Es befreit den gläubigen Juden von allen Gelübden und Versprechungen, die unwissentlich oder unüberlegt abgelegt wurden.

Während Helmut Eisel die Rahmenteile wie von Bruch notiert spielt, erlaubt er sich im Mittelteil improvisatorische Freiheiten. Das Gespräch des Individuums mit Gott wird so zum Ausdruck persönlicher Empfindungen anstelle vorgefertigter, erlernter Worte und Noten.

 

Neben drei weiteren Kompositionen Helmut Eisels findet sich Babsis Freilach, das er schon vor Jahren seiner Frau gewidmet hat, auf diesem Album. In Israel wie in Europa ist der Titel längst zum Klezmer-„Traditional“ geworden den auch Giora Feidman in seiner geistigen Heimat viel gespielt hat.
 
Auch so lebt, inspiriert von der Tradition, die Musik der Unknown Klezmorim weiter!