Monika Schumacher

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Dell Brecht Lillinger Westergaard. (DBLW) * Boulez Materialism

VÖ 25.05.2018 * PLAIST/Soulfood
 
Christopher Dell * vibraphone

Johannes Brecht * live electronics

Christian Lillinger * drums

Jonas Westergaard * bass

 
Boulez Materialism von Dell Brecht Lillinger Westergaard. (DBLW) ist das beeindruckende Zeugnis einer kunstvollen Inszenierung von strukturellen Klangbewegungen – eine in der zeitgenössischen Musik bis dahin nicht bekannten Weise der Auseinandersetzung mit der großen Form. Zugleich eine Weiterentwicklung der akustischen Musik von Dell, Lillinger und Westergaard durch live-elektronische Mittel von Johannes Brecht. Der hybride Aufbau einer Mischung von akustischen und elektronischen Klängen verleiht der Musik eine unverwechselbare Färbung und orchestralen Reichtum.
 
DBLW entwickelt aus relativ kleinem Ausgangsmaterial die große Form. Dieses Verschalten von minimalen Strukturen entspricht dem Verfahren der Prolifération (hier: Wucherung), wie es der französische Komponist Pierre Boulez beschrieben und angewendet hat.
 
Das Verfahren spricht von der innovativen Ausbreitung und Verarbeitung des musikalischen Ausgangsmaterials. Gemäß Boulez setzt DBLW strukturelle, relationale Zellen an die Stelle von Themen. Diese Zellen, die auf minimalen strukturellen Parametern wie Intervallen oder rhythmischen Einheiten basieren, erlauben erst in ihrer Reduziertheit das maximal komplexe relationale Neuverschalten. Im Zusammenspiel der Akteure auf der Grundlage dieser Zellenarbeit geschieht ein andauerndes Agieren und Reagieren als Durchwirken und Umformen einer musikalischen Dimension durch die jeweils andere. Resultat ist eine hinreißende kaleidoskopartige Erfahrung permanenter Verwandlung.
 
DBLW kommt dabei der ausgeprägte Sinn für Klangstrukturen und Zeitverläufe zu Pass, der zu einem Klangbild verhilft, das selbst den Hörern, denen die Musik zunächst fremd anmutet, durch die Vielfalt und Ästhetik der irisierenden Klangfarben angesprochen sind.
 
DBLWs Werk drängt zum Performativen, zur Auseinandersetzung mit dem Körper, der Handlung und dem Raum. Aufführungen des Ensembles sind mehr Installation aus Musik, Raum und Performanz, denn ein herkömmliches Konzert. DBLW forciert die kompositorischen – und performatorischen – Expeditionen ins Unbekannte und Existenzielle. Wo jedes Kabel aufs Genaueste verlegt, jedes Gerät und Instrument genau platziert ist, bleibt doch die Verschaltkapazität der Installation offen für das Unplanbare.
 
Vor die Entscheidung gestellt, etwas einfacher oder schwieriger zu gestalten, wählt DBLW die zweite Option. Größtmögliche Komplexität statt Einfachheit, stets anders und doch unverwechselbar zu sein, ist das künstlerische Ziel der Künstler.
Über eine Spanne von sechs Werkabschnitten ist Boulez Materialism ein Fest für die Ohren, eine reiche Erfahrung – intim und öffnend zugleich, symphonisch expansiv und, wie der Titel suggeriert, voll aufregender Komplexität.